Schon als Kind glaubte ich daran, dass Tiere gleichwertige Wesen sind, die man mit Respekt und Achtung behandeln sollte. Meine ersten sechs Lebensjahre verbrachte ich auf einem „Hippie“-Vierkanter im Herzen des Mostviertels. Zusammen mit zwei Pferden, zwei Katzen, zwei Hasen, ein paar Hühnern und meiner Familie war das mein Zuhause. Es war eine Zeit des Erblühens für mich. Es gab keine Sorgen, wenig Regeln und so viel zu tun, zu entdecken und zu lernen, und immer war einer meiner tierischen Freunde bei mir.

 

Nach der Trennung meiner Eltern zogen wir in eine Wohnung – die zwei Katzen konnten mit uns gehen. Alle anderen Tiere kamen bei meinem Onkel und meiner Tante unter, wo ich sie weiterhin sehen konnte. Unsere Ausflüge waren nun auf das Wochenende beschränkt und von Montag bis Freitag wehte plötzlich ein strenger Wind namens Schule. Ich war ein sehr freiheitsliebendes Kind und ging daher auch eher sporadisch in den Kindergarten. Mein starker Wille und meine frühe Redegewandtheit hatten mir bis zu diesem Zeitpunkt gute Dienste geleistet, doch jetzt konnte ich wollen was ich wollte und sagen was ich wollte, es gab kein Pardon mehr. In die Schule muss man nun mal gehen, Hausübung muss man nun mal machen und tun was die Erwachsenen sagen. Ich fühlte mich damals wie im falschen Film – wie in eine Form hineingepresst, die so gar nicht zu mir passte. Ich musste ein Tempo einhalten, das so gar nicht meines war und Regeln befolgen, die für mich keinen Sinn ergaben.

 

Mein oft einziger Lichtblick waren die Wochenenden bei meinem Onkel, meiner Tante und den Tieren – denn hier konnte ich sein wer ich war, so wie früher.

 

Eines Tages kündigte mein Onkel eine Überraschung an, freudig folgte ich ihm in die Stube in deren Ecke ein kleiner schwarzer Bär saß. Der Bär hieß Kora und war eine 9 Wochen alte schwarze Schäfer-Hündin, die mir auf Pfoten, die viel zu groß für ihren kleinen Körper erschienen, entgegen tapste. Meine Freude war riesig! Wie zu erwarten wurden wir die allerbesten Freunde. Wir verbrachten ganze Tage damit im Heuboden verstecken zu spielen und jeden Winkel des Hofes zu untersuchen. Wenn uns das zu langweilig wurde gingen wir mit meiner Oma in den Wald auf Schwammerlsuche.

 

Die tiefe Verbundenheit, die ich zu dieser Hündin fühlte, machte mich unglaublich glücklich. Damals stand für mich fest – wenn ich erstmal erwachsen bin, kriege ich auch einen Hund.

 

Als ich dann erwachsen war und endlich den richtigen Partner und den richtigen Job für einen Hund gefunden hatte, war mein Vorsatz von damals schon vergessen. Doch zum Glück konnte sich ein Teil meiner Selbst noch daran erinnern und nervte mich pausenlos mit Unzufriedenheit, Unerfülltheit und „leicht“ depressiven Phasen. Also versuchte ich es, wie die Meisten von uns, zuerst einmal mit Materiellem. Ich kaufte mir alles Mögliche: Schuhe, Kleidung, Spielkonsolen, einen Boxsack und schließlich ein Motorrad. Am meisten Spaß hatte ich noch mit dem Motorrad aber auch das konnte mein schwarzes Loch im Herzen nicht stopfen.

 

Langsam wusste ich nicht mehr weiter, ich machte mir schon ein bisschen Sorgen um mich, denn eigentlich hatte ich keinen Grund um unglücklich zu sein. Ganz im Gegenteil, ich hatte ALLES: einen tollen Mann an meiner Seite, tolle Freunde, ja sogar eine tolle Arbeit! Also warum zum Teufel ging es mir immer wieder so schlecht!?

 

Die Antwort ist im Nachhinein recht einfach: ich hatte vergessen wer ich war – ich hatte mich vergessen, das Kind, das ich einst war. Das Kind, das die Welt verändern wollte, jedem Tier und jedem Menschen mit Achtung und Wertschätzung begegnen wollte. Der kapitalistische unbewusste Mensch, der ich geworden war, hatte damit nichts mehr zu tun.

 

So lebte ich immer noch gegen meine Natur. Obwohl ich die Zwänge der Schule und des Anpassen-müssens schon lange hinter mir gelassen hatte, befand ich mich immer noch in der gleichen Schockstarre wie an meinem ersten Schultag. Ich schwamm mit den anderen, obwohl ich nicht mehr musste, ich verleugnete mich selbst, ohne mir darüber im Klaren zu sein, und dass machte mich unglücklich.

 

Um mir dessen Bewusst zu werden brauchte ich allerdings eine Lehrmeisterin – Suki, mein erster eigener Hund kam in mein Leben. Drei Jahre war sie im Tierheim Steyr, dementsprechend schwerwiegend waren ihre Themen. Mein Partner hatte sich in sie verliebt und entschieden „sie oder keiner“. Ich hingegen wurde das überaus starke Gefühl nicht los diesem Hund nicht gewachsen zu sein. Beim Probetag tauchte dieses Gefühl wieder auf, genau in diesem Moment sah mich Suki mit einem unbeschreiblichen Blick an und plötzlich war der Satz in mir: „Wenn ich ihr nicht gewachsen bin, dann muss ich eben wachsen. Fertig.“ Damit waren meine Überlegungen beendet und der Satz wurde bis heute zu einem starken Mantra für mich. Das war auch bitter nötig, denn gerade in den ersten Monaten war ich oft kurz vor dem Aufgeben – doch es gab kein Zurück mehr, wir hatten uns für sie entschieden. Ich musste also wachsen, schneller und weiter als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Suki brauchte meine liebevolle Führung, sie brauchte meine Stärke, meinen Mut zu mir und zu ihr zu stehen – das sind alles Qualitäten die ich in mir trug und als Kind auch gelebt habe, doch das war lange her. Zum Einen war ich mir dieser Qualitäten nicht mehr bewusst und zum Anderen hatte ich es mir „abgewöhnt“ sie zu leben. Doch Suki forderte von mir all das wieder freizulegen, den Schatz der in mir steckte auszugraben. Der Lohn für diese, teils anstrengende Arbeit, war unglaublich riesig. Zum Einen verschwanden meine zahlreichen Probleme mit ihr, wenn ich einfach ICH war, und zum Anderen führte sie mich zu meiner Berufung.

 

Im Februar 2019 zog ein weiterer Lehrmeister bei uns ein. Lenny schützte als Herdenschutzmix seinen Menschen vor allem und jedem, er reagierte überaus aggressiv auf alles was oder wen er nicht kannte und schließlich auch auf jene die er kannte. Er hatte schon 10 Hundetrainer und zwei Resozialisierungscenter hinter sich, bis der letzte Trainer meinte er sei ein hoffnungsloser Fall und man sollte ihn einschläfern. Sein Mensch war am Ende und kein Tierheim oder Verein war bereit ihn zu nehmen.

 

Er schien alles in allem wie gemacht für uns: aggressiv, unzugänglich, unberechenbar, unsicher, stur, eigensinnig und völlig verrückt – der perfekte Lehrmeister. Im ersten Jahr trieb mich dieses Unterfangen an und über meine Grenzen. Unendliche Geduld, Verständnis, Kraft, Fürsorge, Aufmerksamkeit und BEDINGUNGSLOSE Liebe wurden von mir gefordert um Lenny gerecht zu werden. Auch dies waren alles Qualitäten, die ich bereits in mir trug, die jedoch noch darauf warteten ausgegraben und wieder gelebt zu werden. Lenny fegte wie ein Wirbelwind durch mich hindurch, er veränderte vieles, meine Prioritäten wurden immer klarer, ich wurde durch ihn um so vieles entspannter, fröhlicher, selbstsicherer und vor allem mutiger. Es ist unfassbar was mich dieser wundervolle Kerl in der kurzen Zeit alles gelehrt hat und wie er meine Entwicklung vorangetrieben hat. Durch ihn hatte ich nun endlich den Mut meinen gutbezahlten und komfortablen Wirtschaftsjob samt Firmenauto zu schmeißen und mich selbständig zu machen, um Menschen und ihre Hunde auf allen Ebenen (Körper, Geist und Seele) und mit all meinem Wissen zu unterstützen.